Am Everest.
Ohne Luft vor lauter Glück.

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Ohne Luft zu holen spricht der Mann mit dem gelben Anorak und den gelben Händen in sein Mobiltelefon, während er mir lachend zuzwinkert. Das ist gut so. Denn ich sitze derweil auf dem Felsvorsprung und ringe gierig nach mehr. Mehr Luft. Die Lunge sträubt sich. Will keinen Tausch „Alt gegen Neu“. Tauschgut ist auch bald kaum mehr vorhanden. Schließlich sind wir auf rund viertausend Metern Höhe angekommen.

Hätte ich mehr Sauerstoff zum Nachdenken, würde ich mich vermutlich wundern, daß es hier überhaupt einen Hadyempfang gibt. Ganz zu schweigen von der Frage, welch dringende Erörterung dort am Telefon gerade jetzt durchgeführt wird. Es kann sich eigentlich nur um die Durchgabe der Einkaufsliste für den Supermarkt auf dem Heimweg handeln. Ich war die vorangegangenen Tage krank gewesen. Ein Virus. Nun schleppe ich mich schlapp – mitten im Himalaya – Höhenmeter um Höhenmeter voran. Der Mann im gelben Anorak ist mein fabelhaft gestimmter Sherpa Nuri und der trägt meinen Rucksack auf dem Rücken. Die zwanzig Kilo Gewicht lächelt er einfach weg, wie Jürgen Klinsmann eine Bayern Niederlage. Ich komme mir irgendwie schäbig vor, mit meinem kleinen Tagesrucksack, der mit einem Energieriegel und einer Teekanne befüllt ist.

Ich frage mich, wie das sein kann, daß Nuri so glücklich ist. Ich fühle mich hundeelend. Es ist kalt, windig und rauh hier oben. Der Schnee hat hier seinen Wohnsitz. Man müßte meinen, die Menschen die hier oben leben, leiden. Aber davon ist nichts zu sehen oder fühlen. Unermeßlich weiter Raum. Luft, Wasser, Erde, Sonne. Es scheint, als wäre genügend Raum verfügbar, um gewaltig glücklich zu sein. Nichts engt ein. Keine Angst, die Leiden schafft. Ich frage Nuri, wovon er träumt. Einmal auf einer Expedition als Sherpa dabei zu sein, antwortet der.

Dann verschwindet sein währendes Lachen aus seinem Gesicht. Jetzt verschmilzt sein Gesicht zu glänzenden Augen, die alles überstrahlen. Nuri haut mir mit der Faust gegen die Schulter und zeigt in Richtung Himmel. Ich blicke hoch: Erstmals seit einer Woche reißt die Wolkendecke auf und gibt einen Blick auf die gewaltige Kulisse frei. Es ist einer dieser Momente. So klar, so unberühert öffnet sich alles. Ich fühle mich stark, die Leichtigkeit. Kein Sauerstoff? Kein Glücksverhinderer! Diese Schönheit will bewundert werden. Nun glänzen meine Augen, nicht aus Sauserstoffmangel, aus reiner Freude.

10. Mai 2013

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