Stefan Nink:
„Als sei man nicht mehr auf dieser Welt.“

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Stefan Nink fliegt, fährt und läuft für Magazine, Radiostationen und Buchverlage über den Planeten. Seine Reportagen wurden vielfach ausgezeichnet und in seinem Blog 47tukane schreibt er auf Geo.de über das Reisen. Nun hat Stefan Nink seinen ersten, sehr unterhaltsamen Reise-Roman „Donnerstags im Fetten Hecht“ geschrieben und dafür den ITB Book Award 2013 in der Sparte „Humor“ eingeheimst. Wer das Buch liest, erfährt von einem abgedrehten Roadtrip durch die Welt: Auge in Auge mit einem Nashorn in Afrika, Zahnschmerzen im Himalaya, mongolische Pferdewettrennen und die Frage: Singt Elvis auf dem Oktoberfest von Qingdao?

 

Herr Nink, Sie haben gerade Ihren ersten Reise-Roman veröffentlicht und dafür den ITB Book Award 2013 in der Kategorie „Humor“ erhalten. Was bedeutet reisen für Sie?

SN: Reisen bedeutet für mich: leben. Ich kann mir nicht vorstellen, das einmal nicht mehr zu tun, in irgendeiner Weise. Wenn es nicht anders geht, reise ich dann eben im Kopf.

Ihr Romanheld „Siebeneisen“ reist auf seinem weltweiten Roadtrip u.a. in die Antarktis. Sie beschreiben alle Orte sehr bild- und detailreich. Welchen der Roman-Orte haben Sie selbst besucht? Welcher davon hat Sie am stärksten beeindruckt und warum?

SN: Ich war an sämtlichen Orten, die im Roman vorkommen, und habe dort recherchiert. In einem Roman ist ja naturgemäß vieles fiktiv – die Orte, an denen „Donnerstags im Fetten Hecht“ spielt, habe ich aber so realistisch wie möglich beschrieben. Auch die geografischen wie historischen Fakten sind so gut wie möglich recherchiert. Und all die Nebenfiguren, die im Roman vorkommen, haben ihre realen Vorbilder.

Am stärksten beeindruckt haben mich Mustang und die Antarktis. Beides sind Orte, an denen man sich fühlt, als sei man nicht mehr auf dieser Welt.

Sie haben über 30 Reisebücher geschrieben. Was motiviert Sie immer wieder loszureisen?

SN: Meine grenzenlose Neugier auf diese schöne, schreckliche Welt.

Wie war das auf Ihren vielen Reisen als Reiseautor bisher: Waren die immer unterhaltsam?

SN: Müssen sie das sein: unterhaltsam? Oder, anders gefragt: Wenn ich eine Geschichte über eine Familie in einem Slum in Mumbai recherchiere – muss ich mich dann gut unterhalten fühlen?

Wie muss man sich das vorstellen wenn Sie reisen? Planen oder treiben lassen?

SN: Meistens plane ich ein Gerüst, an dem entlang ich mich unterwegs dann treiben lasse. Leider sind die Zeiten ja vorbei, in denen einen Magazine für zwei, drei Wochen Recherche los schickten. Heute hat man aus betriebswirtschaftlichen Gründen ja oft nur vier, fünf Tage, und am besten bringt man dann auch noch drei verschiedene Storyaspekte mit. Ich glaube, dass ich ziemlich gut strukturiert bin. Trotzdem ist es schon vorgekommen, dass ich ein detailliert ausgearbeitetes Routing zwei Stunden nach Ankunft komplett über den Haufen geworfen habe.

In Ihrem Roman beschreiben Sie auch das einsame australische Outback. Was bringt Menschen dazu, sich an einem ganz bestimmten Ort niederzulassen, dort ihr Leben zu leben?

SN: Da haben 1017 verschiedene Menschen wohl auch 1017 verschiedene Gründe.

Und wenn Sie nochmal an das Outback denken, was bedeutet allein reisen, alleinsein auf Reisen für Sie?

SN: Es ist für mich – beruflich! – die ideale und damit fast auch einzig mögliche Art des Reisens: Nur, wenn ich alleine unterwegs bin, kann ich mich auf den Ort, an den ich reise, einlassen. Ich bin mir aber im Klaren darüber, dass dies für viele andere eine ganz schreckliche Vorstellung ist.

Im Outback war ich übrigens nicht allein: Was in „Donnerstags im Fetten Hecht“ über das Innere Australiens zu lesen ist, stammt zum größten Teil von einer sechswöchigen Reise, auf der ich einen Boxzirkus begleitet habe. Da hat man dann eher zu viele Menschen um sich herum als zu wenige.

Wenn Sie Menschen unterwegs begegnen, wovon sind die bereit Ihnen zu erzählen? Nur von Humorvollem, oder auch Traurigem, Schrecklichem, Unglaublichem, ihren Träumen?

SN: Menschen erzählen, was sie einem erzählen möchten. Der eine einen Kalauer, der andere davon, wie allein er sich seit dem Tod seiner Frau fühlt. Möglicherweise erzählt man einem Fremden persönlichere Dinge als einem Freund. Machen wir doch alle manchmal, oder?

Verraten Sie uns: Wie machen Sie das, so skurile Menschen, wie die Figuren, die im „Hecht“ auftauchen, anzuziehen?

SN: Ach, ich mache da eigentlich gar nichts – das meiste passiert einfach so. Man muss halt nur daran denken, es auch aufzuschreiben, wenn es passiert ist. Ich habe aber auch keine Angst, auf Menschen zuzugehen und mit ihnen zu reden. Die besonderen, schrägen, liebenswerten  Charaktere findet man dann ganz automatisch.

Sprechen wir über Krankheiten und andere Katastrophen auf Reisen. Woran können Sie sich da erinnern? Stichwort: Zahn ziehen.

SN: Mir ist zum Glück noch nie was Schlimmes passiert, ich bin auch noch im Besitz aller Zähne. Ich hatte mal einen Tauchunfall und die ein oder andere Begegnung mit Grizzlies, die möglicherweise ernst hätte ausgehen können. Ein paar kleinere Autounfälle, Allergien, gebrochene Zehen, so was halt. Zwei oder drei Erdbeben, kleinere Tsunamis, ein Zyklon. Ist aber eigentlich alles vernachlässigbar. Da hätte weiß Gott viel mehr schief gehen können.

Wir müssen über den deutschen Reisenden in anderen Ländern sprechen. Wie wird der und „Planet Germany“ im Ausland gesehen?

SN: Wir haben da nicht überall den besten Ruf, und wenn ich mir das Auftreten deutscher Touristen in anderen Ländern anschaue, haben wir auch zurecht nicht überall den besten Ruf. Andererseits: Wer je erlebt hat, wie sich französische Reisende in Südamerika darüber echauffieren, dass chilenische Busfahrer nicht fließend Französisch sprechen, der weiß: Andere verhalten sich auch nicht immer subtil.

Woran/wann merken Sie im Ausland typisch deutsche Eigenschaften an Ihnen?

SN: Immer dann, wenn ich mir sagen muss: Nink, jetzt reg dich nicht auf, bei uns hat die Bahn auch öfter mal Verspätung.

Was können wir von anderen Ländern lernen?

SN: Ich zucke immer so ein bisschen zusammen, wenn von „wir“ und den „anderen“ die Rede ist. Vielleicht kann man es so sagen: Jeder Mensch kann von jedem anderen Menschen lernen. Wäre schlimm, wenn das nicht so wäre, finde ich.

Eine Ihrer Figuren fragt, ob es nicht möglich sei, eine Person in der Antarktis, mitttels einer „flinken SMS“ zu kontaktieren. Wie hat Technologie das Reisen heute verändert?

SN: Für mich: gravierend. In meinen ersten Berufsjahren habe ich eine Sekretärin beschäftigt, die sich zuhause im Büro um die Post kümmerte, Anrufe entgegen nahm und mir Termine und Anfragen zweimal die Woche per Fax an eine Hotelrezeption irgendwo auf der Welt schickte – das war in der Zeit vor Email und Handy. Ich hatte damals immense monatliche Kosten, bloß um erreichbar zu sein, das ist heute ja unvorstellbar. Neulich hab ich uralte Steuerunterlagen geschreddert, da waren Telefonrechnungen über vier-, fünf- sechshundert Mark dabei. Und heute wundere ich mich, wenn mein automatisches Skype-Abo alle paar Monate 20€ von meinem Konto abbucht.

Hat aber natürlich nicht nur Vorteile, die veränderte Technologie. Wenn man früher unterwegs war, war man unterwegs. Heute bekommt man an einem Bundesligaspieltag jedes Tor per SMS in die kalifornische  Wüste gemeldet.

Musik spielt im Buch immer wieder eine Rolle. Wie ist das bei Ihnen: Welchen Reise-Soundtrack gibt es unterwegs?

SN: Musik war für mich immer sehr wichtig und ist es bis heute geblieben. Unterwegs höre ich sie auf meinem iPhone, da ist eine vogelwilde Mischung drauf: Zappa, Chopin, Tom Waits, Boards of Canada, viel Mozart, viel ECM-Zeugs, für jede Stimmung was.

Was ist das Wichtigste, dass Sie auf Ihren Reisen gelernt haben?

SN: Demut. Demut vor dem Leben, dem eigenen und dem anderer. Und vor der Schöpfung. Vor der vor allem.

Was muss außer Flugticket, Kreditkarte und Zahnbürste immer in Ihrem Reisegepäck sein?

SN: Ich habe – warum auch immer – eine empfindliche Stimme, deswegen hab ich immer einen warmen Schal dabei. Besagtes iPhone und mein Notebook, ein Thinkpad. Notizbuch, Stift, Kamera, das übliche eigentlich. Der Hofastronom des Königs von Lo Monthang hat mir mal einen buddhistischen Talisman besprochen, den habe ich auch immer im Gepäck.

Wohin möchten Sie unbedingt noch reisen?

SN: Da ist noch so viel! Nach Galápagos würde ich rasend gerne mal. Und in Japan über Land, das auch. Und wenn ich mal viel Zeit habe, dann wandere ich quer durch Deutschland, vom äußersten Norden in den äußersten Süden, und zwar in einem durch.

Eine humorvolle Antwort zum Abschluss ist ausdrücklich erlaubt: Wohin geht die Reise von Mainz 05 in dieser Bundesliga Saison?

SN: Wir werden Siebter und verpassen die Europaleague um einen Tabellenplatz. Das erspart uns anstrengende Auswärtsfahrten an die zerfransten Ränder Europas und in der kommenden Saison das Abrutschen in die Abstiegszone.

24. März 2013

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